Rückruf
Haben Sie eine Frage oder ein anderes Anliegen? Ich helfen Ihnen gerne weiter und rufe Sie kostenlos zurück.

Zum Rückruf

Kontakt
Tel.: 030 403 72 483
E-Mail: H.Puehl@gmx.de

Eventkultur - Ereigniskonsun als Abwehr in der globalisierten Gesellschaft

zurück zur Übersicht

 

Inhalt

Wolfgang Schmidbauer: Annäherungen an den Event
Peter Heintel: Event als Angebot einer "Großgruppenkultur" in der übergangsgesellschaft
Gudrun Brockhaus: Aber die Fackelzüge! - Der Nationalsozialismus als Vorläufer der Eventkultur
Harald Pühl: Wir sind alle Helden: Der Triumph und das Glück
Rainer Lucas: Unternehmenskommunikation in der Erlebnisgesellschaft
Wolfgang Schmidbauer: Events im psychosozialen Feld
Klaus Ottomeyer: Events und Trauma
Heiner Keupp: Vom Elfenbeinturm zum Leuchtturm - Die Eventisierung und Neuerfindung der Universitäten durch Eventisierung
Jochen Wagner: Göttlich ausschaun, tierisch abgehen

 

Vorwort

Event scheint heutzutage zu einem wahren Zauberbegriff geworden zu sein. Sobald man sich einmal mit dem Begriff beschäftigt hat, stößt am täglich viele male auf ihn und darunter finden sich alle möglichen und unmöglichen Formen von ‚Ereignissen'. Dies ist die eigentliche lateinische Bedeutung des Wortes. Gebraucht wird es im allgemeinen, um auf einzigartige, unterhaltsame Veranstaltungen hinzuweisen bzw. diese zu bewerben. So wirbt das Kaufhaus Karstadt anlässlich eines 125. Unternehmensjubiläums mit dem größten Event aller Zeiten und plante für jede seiner Filialen durchschnittlich 70 Events (z.B. Ballonregen mit Gutscheinen, give away Aktionen, Geburtstagstorte für karitative Zwecke verkaufen etc). Aber selbst der Gasthof um die Ecke lockt seine Gäste mit einem „Rustikalen Schlachtefest“ als Event.

„Unter Events werden inszenierte Ereignisse verstanden, die durch erlebnisorientierte Veranstaltungen emotionale und physische Reize darbieten und einen starken Aktivierungsprozess auslösen“ Da wundert es nicht, wenn Event heutzutage zu einem gängigen Marketingbegriff geworden ist, der Einmaligkeit und Besonderheit suggerieren soll. „Events wollen demnach immer multisensitiv sein, möglichst alle Sinne ansprechen und dadurch gleichzeitig Information, Kommunikation, Motivation, Weiterbildung, Unterhaltung und Imageförderung vermitteln. Events sind die verlockenden Leuchttürme im Warenmeer der Unverbindlichkeit.“ (ebenda). Wir finden diese Formen deshalb auch in der Politik, im Sport und in der Organisationsberatung.

Bei genauer Betrachtung wird sich leicht feststellen lassen, dass es historisch immer schon Versuche gab, die Menschen in erlebnisaktivierender Weise anzusprechen. Obwohl die Geistlichkeit im Mittelalter versuchte den Sonntag von vergnüglichen Festen frei zu halten, konnten sie nicht verhindern, dass der Sonntag sich zu einem Tag der Feste, Gelage, Turniere und Wettkämpfe entwickelte. Besonders die Reiterspiele im 12. und 13. Jahrhundert erlebten eine ära der Blüte. (Inzwischen feiern sie als mittelalterliche Feste eine neue Event-Renaissance.) Im 14. Jahrhundert konnte sich der Karneval als vorchristliche, archaisch und heidnische Volkskultur bis zum heutigen Tage etablieren. So zählen Historiker die Städte des späten Mittelalters zur Hochzeit der Feiertagskultur mit entsprechenden Vergnügungen. Beispielsweise zählte das Bistum Straßburg im14. Jahrhundert mehr als Viertel des Jahres an Feiertagen und zusätzlichen mehrwöchigen Feste zum Neujahr, zu Ostern und Pfingsten. Mit dem wachsenden Einfluss des Protestantismus wurden die Feierlichkeiten immer mehr eingeschränkt auf das heute bekannte Maß.

Sicherlich zielten einige dieser Veranstaltungen auch die oben zitierten „ emotionalen und physischen Reize“ der Menschen, wenn auch nicht so punktgenau geplant wie durch professionelle Marketingmanager. Unterschieden haben sie sich vermutlich dennoch hinsichtlich ihres rituellen Charakters. Nicht die Einmaligkeit sondern das gemeinschaftliche Zusammenkommen bestimmte die emotionale Qualität. Worauf Gerhard Schulze in seinem Bestseller „Erlebnisgesellschaft“ in diesem Zusammenhang plausibel hinweist ist, dass die Ereignisse in feste „überpersönliche Bezugsrahmen“ eingebunden waren. Sie definierten Gut und Böse, Recht und Unrecht und waren vor allem „die Kulisse für die Inszenierung objektiver sozialer Verhältnisse.“

Währenddessen haften den heutigen Events eine grandiose Beliebigkeit an, ihr sozialer Bezugsrahmen lässt sich nicht mehr herstellen. Eine geschichtlich in Deutschland in unserer Zeit einzigartige Ausnahme mag „Das Sommermärchen“ sein. Das Fussball-WM-Ereignis 2005 hat aufgrund seiner geschickten Inszenierung und Dramaturgie Kulturgeschichte geschrieben, weil es die breite Bevölkerung subgruppenübergreifend emotional erfasste. Nicht nur die große Gruppe der Fußfallbegeisterten, ebenso die politisch motivierten wurden durch den Geist „Demokraten gegen Rechts und für Integration“ angesprochen, auch die Naturschützer wurden durch das Programm „Green goal“, einem umweltfreundlichen Umgang mit Energien und Ressourcen den in Ereignisbann gezogen.

Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: Der zunehmende Verlust gruppenbezogener Zusammenkünfte bzw. die Sinnentleerung bekannter Rituale mit ihrem faden Beigeschmack emotionaler Leere können über die Fragmentierung der alltäglichen Events nicht hinwegtäuschen. Events sind zur Alltagskultur besonders der Jugend geworden. Erst die neuen Medien mit der Fülle visueller Eindrücke optisch-akustischer Finessen konnten den Events zum Durchbruch verhelfen. Atmosphärisches und Illusionäres gehören immer dazu. M it ihrer Breitenwirkung haben sie die sogenannte gehobene Kultur ( Theater, Oper, Konzert, Kunstausstellung ) entthront. Events sind leicht, beschwingen und verheißen ein diffuses Gefühl des Dazugehörens, manchmal auch nur virtuell im Internetchat. Städte und Regionen werben inzwischen bei ihren Standortvorteilen um Ansiedelungen nicht mehr mit ihren Arbeitskräften, sondern mit ihrem Freizeitwert. Im Klartext heißt das mit ihrem Erlebnismöglichkeiten, z.B. das Ruhrgebiet oder Brandenburg mit seinem subventionierten "Tropical Island"

Es ist zu übersehen Events sind Massenkultur und damit steht sie allen Bevölkerungsgruppen offen. Opaschowski wirft den Kritikern deshalb eine "elitäre Sichtweise" vor. Eventkultur befriedigt seiner Meinung nach soziale Komponenten wie soziale Geborgenheit und gemeinsame Freude“. Im vorliegenden Buch wollen wir die Auswüchse des Event-Begriffes nicht recherchieren, sondern nach den Gründen für den "kollektiven Erlebnishunger" suchen.